Sprachnot

„Die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muss, um irgendwelches Urteil an den Tag zu legen, zerfielen mir im Mund wie modrige Pilze.“

– Hugo von Hofmannsthal, Der Brief des Lord Chandos.

Ich bin eine schlechte Sprecherin. Damit meine ich nicht den sprachlichen Ausdruck an sich, sondern allein das Sprechen als soziale Interaktion. Ein Gespräch. Ein Vortrag. Ich scheitere an dem Versuch, Gedanken in einem solchen Moment spontan in Sprache zu übersetzen. Ich versage dabei, weil das Ergebnis in meinen Augen immer eine mangelhafte Übersetzung wird. Sobald ich etwas sagen will, verzweifle ich daran, dass ich es nicht kann. Es kommt immer verfälscht heraus und ich wünsche mir, ich hätte es für mich behalten. Ich bin eine schlechte Sprecherin – aber nur, wenn ich mich allein auf das Sprechen verlasse. Denn ich bin gut darin geworden, diesen Mangel zu kaschieren. Mein Gegenmittel ist die Schrift.

Sprachnot ist eine Erfahrung, ohne die das Sprechen nicht auskommt. Ich bin täglich sprachlos, so wie jeder andere Mensch auch. Und ich würde sogar behaupten, dass man immer irgendwie sprachlos ist, wenn man zu sprechen versucht. Natürlich genügt die Sprache niemals dem eigentlich Gemeinten. Das ist mein Problem. Ich will, dass mein Ausdruck trotzdem präzise ist. Sprechend schaffe ich das erst, wenn dem Sprechen die Schrift vorausgeht. Die Schrift macht mich zu einer besseren Sprecherin. Warum?

Um das zu beantworten, möchte ich mich eines literarischen Beispiels bedienen: Hugo von Hofmannsthals „Brief des Lord Chandos“. Dieser fiktive Brief gilt als einer der Anfangstexte der modernen Literatur – geschrieben von der Figur Philipp Lord Chandos, adressiert an dessen Mentor Francis Bacon. Ersterer entschuldigt sich bei Bacon dafür, dass er seit längerem das Schreiben nicht mehr auszuüben vermochte. Der sechsundzwanzigjährige Schriftsteller stellt wortreich dar, warum es ihm nicht mehr möglich ist, sich sprachlich auszudrücken. Er erläutert, dass ihm die Worte keiner Sprache genügten, um sein Innerstes nach Außen zu tragen. Es kommt zu einem geballten und metaphernreich dargestellten Reflektieren über Sprache und deren Mängel. Jemand, der behauptet, er könne nicht mehr sprechen, schildert diese Erfahrung in Briefform. Es scheint, als widerspreche er damit seiner eigenen Behauptung. Er tut in dem Bekenntnis das, was er nicht mehr zu können glaubt.

Das ist paradox. Doch bei näherer Betrachtung erschließt sich mir dieses Phänomen. Ja, ich empfinde es sogar als logisch. Mein ganz persönlicher Schlüssel zur Interpretation dieses literarischen Briefes ist die Schriftform. Lord Chandos entflieht seiner Sprachnot durch das Schreiben. Denn in der Schriftlichkeit wird das kunstvolle Spiel der Sprache in der eigenen und ihr immanenten Lückenhaftigkeit deutlich. Wenn man schreibt, muss man nicht nach exakten Worten ringen, die sowieso niemals gefunden werden können. Der Anspruch, das Gedachte Wort für Wort in Sprache zu übersetzen, relativiert sich. Ein Innehalten im Prozess des Ausdrucks. Man erkennt, dass das Verhüllte bereits in den Worten liegt, die nicht genügen. Beim Sprechen ist dieser Anspruch zu präsent und deshalb bin ich als Sprecherin von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Deshalb wähle ich die bedachten Worte in der Schrift, um eine bessere Sprecherin zu werden (oder zumindest zu kaschieren, dass ich eine schlechte bin). Wenn ich weiß, dass ich vor einer Gruppe sprechen muss, dann bereite ich mich schriftlich vor. Das lässt sich bei Vorträgen zu speziellen Themen am besten kalkulieren. In solchen Fällen schreibe ich mir ein Script. Ich achte darauf, dass die Formulierungen trotzdem angemessen entzerrt sind, damit das Vortragen natürlich wirkt. Ich präge mir die Formulierungen ein und habe sie bald so verinnerlicht, dass ein Ablesen meist nicht erforderlich ist.

Weitaus weniger kalkuliert funktioniert es mit anderen Sprechsituationen, die weniger vorhersehbar sind. Doch auch dann hilft die Schrift. Denn vieles, das mich beschäftigt, habe ich bereits einmal schriftlich formuliert. Mittlerweile ist diese Angewohnheit fast automatisiert. Sie hilft dabei, die Gedanken auszulagern und zu verdeutlichen. In vielen Gesprächssituationen lässt sich das vorformulierte selbstverständlich einknüpfen. Das passiert kontrolllos. Ich merke meist erst später, dass eine Sprechsituation besonders dann geglückt ist, wenn Fragmente eines irgendwann bereits verschriftlichten Gedankens darin einflossen.

Mit dem Bewusstsein, dass die Sprache immer nur eine Übersetzung bleibt, schaffe ich erst den richtigen Ausdruck. Indem ich die Leerstellen in die Formulierung einbaue, wird sie genügen. Adorno behauptete einst, nach Auschwitz dürfe man keine Gedichte mehr schreiben. Er erklärte später, dass er es weder genau so noch gegenteilig gemeint habe. Er sagte: „Die philosophische Reflexion besteht […] in der Vibration zwischen diesen beiden sonst so kahl einander entgegengesetzten Möglichkeiten.“ Und genau das ist es – das Unwägbare, das Formulierungen, die nicht genügen, trotzdem in ihren Lücken transportieren können.

Literaturempfehlung zu diesem Thema: 

Hugo von Hofmannsthal: Der Brief des Lord Chandos. 

Theodor W. Adorno: Metaphysik.